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Pfälzer im Distrikt Radom PDF Print E-mail
Written by Hans-J. BUJA   
Monday, 08 July 2002 01:00

Aus der Chronik von Mikolajow, Krs. Opatow

Bald nach dem Tode Kaiser Joseph II. geriet die weitere Ausbreitung deutscher Siedlungen in Westgalizien immer mehr ins Stocken. Vor allem die Umtriebe der katholischen Geistlichkeit erschwerten den evangelischen deutschen Siedlern neuen Landerwerb. Der zahlreiche Nachwuchs der seit 1783 von südwestdeutschen Einwanderern, hauptsächlich Pfälzern, besiedelten Kolonien Hohenbach, Padew und Reichsheim im Bezirk Mielec, Distrikt Krakau, sah sich daher gezwungen, neues Siedlungsland jenseits der Weichsel in dem unter russischer Verwaltung stehenden Kongreßpolen zu suchen. So entstanden u.a. die Siedlungen Luschyca (früher Samuelow genannt), Hartfeld (Przeczow), Penclawice, Niemscice, Oglendow, Lubnica - die drei letzteren gingen wieder ein - und im Jahre 1832 Mikolajow bei Osiek nahe der Weichsel in der jetzigen Kreishauptmannschaft Opatow. 
Von diesen deutschen Siedlern berichten die jetzt in der Sippenstelle der Regierung des Generalgouvernements in Krakau aufbewahrten Kirchenbücher der evangelischen Pfarrei Sielec. Als erster begegnet uns dort bereits 1797 Johann Stiber , Kolonist in Samuelow (Luschyca), der am 9. August dieses Jahres in Sielec, 26 Jahre alt, die sechs Jahre jüngere Christine Pelzer heiratet, wobei ein Wilhelm Dinges als Zeuge unterschreibt. Dann finden wir sechs Jahre später Johann Schmidt, Kolonist in Samuelow, 24 Jahre alt, der als Witwer am 9. Januar 1803 in Sielec mit der 19-jährigen Anna Maria Schmal getraut wird, wobei als Zeugen Johann Butschke und Gottfried Bottelberger auftreten.

In Mikolajow überließ der polnische Gutsbesitzer von Osiek den deutschen Kolonisten Ödland, das er wegen zu großer Kosten und zu schwerer Arbeit nicht bebaut hatte und nur als Hutweide benutzte. Die westlichen Höhen hatten größtenteils Flugsand, die Niederung war ein verwahrloster oft sumpfiger Kamp, wo nur Weiden, Rohr und Dornen wuchsen. Die meisten Ansiedler stammten aus Padew, einige aus Hohenbach. Die Entfrohnungsliste des Gutes Osiek von 1864 nennt für Mikolajow folgende Namen:

10 Vollwirte mit je 30 Morgen - 16,80 ha :

1. Phillipp Lang

2. Jakob Lang

3. Johann Schmidt

4. Heinrich Schmidt

5. Wilhelm Berner

6. Konrad Wagner

7. Nikolaus Numrich

8. Wilhelm Schmidt

9. Adalbert Hauser

10. Philipp Hauser

und 4 Häusler (Handwerker) mit je 70 ar für Hausplatz und Gartenland, zusammen 5 Morgen :

11. Ludwig Schmidt

12. Jakob Numrich

13. Heinrich Müller

14. Philipp Müller

Dazu 2 Morgen Schulland und 35 Morgen gemeinschaftliche Hutweide, insgesamt 342 Morgen Ackerland, Wiese und Hutweide.

Im Frühjahr 1832 setzten die ersten deutschen Ansiedler auf ihren Gespannen mit der notdürftigsten Habe über die Weichsel, um sich auf der russischen Seite eine neue Heimstatt zu gründen. Die Arbeit, die ihrer harrte, war doppelt schwer. Sie mußten zunächst für ihre Unterkunft sorgen, um sich vor der Unbill der Witterung zu schützen. In den Sandbergen schaufelten sie Gruben und zimmerten sie mit gespaltenem Holz aus. Während dann die Männer den buschfreien Boden mit dem Pfluge umbrachen, arbeiteten die Frauen mit Rockhacke und Spaten in der Niederung. Die Verwandtschaft aus der alten Heimat half nach Kräften mit, daß mit Beginn des Herbstes ein Haus mit Stallung nebst einer Scheune oder Schuppen unter Dach kamen und man schon die erste Ernte dreschen und den Acker zur Winterfrucht bereiten konnte. Die nicht mehr fertig wurden, zogen zu den Nachbarn und halfen ihnen den Bau der Häuser beenden, in denen sie dann zusammen den Winter verbrachten. Im zweiten Jahre besaß jeder schon Haus, Stallung und meistenteils auch eine Scheune. Immer mehr Neuland gewannen sie, auch die niedrig gelegene Kamp rodeten sie auf den trockenen Stellen von Weidling, Röhricht und Dornen. Die große Weichselüberschwemmung im Jahre 1836 vernichtete ihre Weizen- und Gerstenernte in der Niederung. Doch Fleiß, Sparsamkeit und Ausdauer bewahrten sie vor Hunger und Not.

Die Kinder besuchten zuerst die deutsche Volksschule in der schon früher von Hohenbachern gegründeten, südwestlich gelegenen Siedlung Luschyca. Im Jahre 1840 aber kauften die Mikolajower ein leerstehendes Bauernhaus in Osiek für 85 Rubel und erbauten davon auf dem Platz am Nordende des Dorfes ihre erste Volksschule mit einer bescheidenen Lehrerwohnung. Allsonntäglich diente die Schule auch als Bethaus. Folgende Lehrer, von denen einige auch früher oder später in Luschyca tätig waren, haben von 1840 bis 1941 hier unterrichtet : Fischer, Uhl, Busse, Schuhmann, Pintscher, Volmert, Schmidt, Reuß, Emeritzy, Marks, Bernecker und Kornelie Schmidt. Als 1876 dieses erste Schulhaus baufällig wurde, kaufte die Gemeinde die noch in gutem Zustand befindliche Volksschule der aufgelösten deutschen Siedlung Lubnica im Kreis Stopnica für 180 Rubel und baute sie an der Stelle ihrer bisherigen Schule wieder auf.

Das Jahr 1864 nach Ende des polnischen Aufstandes, von dem Mikolajow wenig verspürte, brachte endlich die Loslösung von der Gutsfrone. Jeder Wirt wurde erblicher Eigentümer und hatte von nun an Steuern in Bargeld an die russische Behörde zu zahlen, im Anfang einen Rubel pro Morgen jährlich. Aber nicht lange freuten sie sich ihres Besitzes, weil er unter dem jungen Zuwachs geteilt werden mußte. Manchen wurde so das Land zu knapp. Um 1880 verkauften zwei Familien ihre Wirtschaften an Polen und wanderten nach den Vereinigten Staaten aus. Andere Auswanderer kehrten mit Geld aus Amerika zurück und kauften wieder bei den schwächeren deutschen Wirten Landparzellen. Die Wirtschaften wechselten so mit Ausnahme der von Lang und Wagner ihre Besitzerfamilien.

Die Ereignisse des Weltkrieges berührten das Dorf dank seiner isolierten Lage nur wenig. Am 12. März 1915 aber wurden alle Deutschen aus Mikolajow in die Stadt Kursk in Mittelrußland verschickt. 78 Seelen mußten Haus und Hof verlassen, nachdem sie das ganze lebende und bewegliche Inventar zu Schleuderpreisen an Polen und Juden verkauft hatten. Nur Kleider, Wäsche und Bettzeug konnten sie mitnehmen. Über den Sommer 1915 blieben sie in Kursk, wo sie in den dortigen Fabriken und bei deutschen Einwohnern Arbeit und Unterkunft fanden. Dann trieb man sie weiter nach Orenburg an der Grenze Sibiriens. Dort verlebten sie drei schwere Winter bei harter Arbeit, mußten Holz hauen, Eisenbahnwagen verladen, Straßen räumen. Im Sommer mußten sie auf den Feldern der Uraler Kosaken und auf den Stadtgründen arbeiten. Nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches traten sie im Frühjahr 1918 die Rückreise an, die über 3 Monate dauern sollte. Wegen der Kämpfe der Roten Armee mit der Weißen Armee mußten sie eine große Strecke die Wolga herunterfahren, um auf andere Bahnstrecken zu gelangen, die noch nicht unter dem Bolschewikenfeuer lagen. Einige Familien verschlug es bis nach Ostpreußen, wo sie 1½ Jahre Landarbeit auf Gütern leisteten. Manche erlagen den Strapazen, darunter Kinder und Säuglinge. Um 18 Köpfe weniger kehrten die Mikolajower ohne Kleider und Geldmittel im August 1918 zurück. Ihre Äcker waren von Polen und Juden ausgesogen, ihre Gehöfte verwüstet. Zum Glück walteten hier noch die österreichischen Behörden. Sie wiesen ihnen mit Gewalt die Höfe zu, halfen ihnen mit Saatgut, Militärpferden, Kleidern und Wäsche aus und zwangen die derzeitigen Nutznießer ein Drittel der Ernteerträge den Rückkehrern zu überlassen. Die Jahre 1919 und 1920 verbrachten die Kolonisten bei Hunger und Not, die Polen weigerten sich, ihnen Lebensmittel zu verkaufen. Doch sie überwanden alle Schwierigkeiten, bauten ihre Höfe wieder auf und wirtschafteten sich mit der Zeit zu einem bescheidenen Wohlstand empor.

Der Pfarrer der evang.-reformierten Kirche in Sielec, zu dessen Sprengel Mikolajow mit Hartfeld und Luschyca seit 1850 gehörte, wollte Volksschulen mit deutscher Unterrichtssprache in diesen Siedlungen nicht dulden. Daher kündigten sie dem evang.-reformierten Konsistorium in Warschau den Vertrag von 1850, nach dem der evang.-reformierte Pfarrer in Sielec die evang.-augsburgischen Deutschen nach ihrem Ritus zu betreuen hatte und schlossen sich dem evang.-augsburgischen Pfarrsprengel Kielce an. Der dortige Pfarrer Tietz berief dann den deutschen Lehrer Emil Marks (der dann später auch die Chronik von Mikolajow aufzeichnete) zum 1. Juli 1921 nach Mikolajow, der die in den Kriegsjahren stark beschädigte Schule wiederherstellte und am 20. August 1921 mit dem Unterricht begann. Doch dann ließ der polnische Schulinspektor die Schule schließen. Da aber nach dem polnischen Schulgesetz die deutsche Volksgruppe das Recht besaß, bei einer Schülerzahl von 40 Kindern staatlich dotierte, bei einer kleineren Schülerzahl Privatvolksschulen in ihrer Muttersprache zu unterhalten, verteidigte die Gemeinde hartnäckig ihr Recht, bis ihr schließlich im Mai 1922 die weitere Führung einer Privatvolksschule mit deutscher Unterrichtssprache erlaubt wurde.

Am 2. März 1922 trat die Weichsel wieder einmal über die Ufer, doch dank des noch gefrorenen Bodens richtete sie nur geringen Schaden an. 1926 trennten sich die Gemeinden Mikolajow, Hartfeld und Luschyca wegen der zu großen Entfernung von der Pfarrgemeinde Kielce und gliederten sich wieder an das Kirchspiel Hohenbach an, dem sie schon bis 1850 angehört hatten. Dies als Hinweis für die Sippenforschung. 1928 erlitt die Kolonie eine starke Einbuße, da drei deutsche Familien ihr Land an Polen verkauften und nach Kanada auswanderten. 1931 verkaufte eine vierte Familie ihre Wirtschaft an Polen und zog nach Litzmannstadt. Im Jahre 1933 fand die polnische Schulverwaltung endlich Grund und Gelegenheit den Lehrer Marks zu entfernen. Die Deutschen beriefen aber bald den Lehrer Bernecker, der allen Ansprüchen der polnischen Schulbehörde standhielt. Nun erklärte diese das alte Schulhaus für baufällig und forderte ein neues nach den modernsten Gesichtspunkten der Schulhygiene. So ging die Gemeinde an den Bau einer neuen Schule. Aber als 1934, gerade zum Erntebeginn, die große Weichselüberschwemmung infolge eines Dammbruches auf dem Gut Szwagrow einen beträchtlichen Teil ihrer Ernte vernichtete, war sie außer Stande, den Bau durch eigene Geldbeträge weiterzuführen. Der Deutsche Schulverein und die evangelische Superintendentur in Stanislau sprangen helfend ein, aus Amerika kamen etwa 100 Dollar, der deutsche Gutsbesitzer Francke aus Nisko spendete Holz für Fenster, Türen und Fußböden, und endlich am 1. August 1935 war der Bau von der Kreisbaukommission unbeanstandet angenommen.

So verging die Nachkriegszeit für die Mikolajower Deutschen in Kampf und Not bis das Jahr 1939 herankam. Immer schwerer wurde ihre Lage, immer fanatischer der Haß der Polen. Schließlich zu Beginn des Polenfeldzuges verhafteten sie die Lehrerin Kornelie Schmidt und die Landwirte Ludwig Hauser und Philipp Pelzer und verschleppten sie in das berüchtigte Konzentrationslager Bereza Kartuska, von wo sie erst nach langem Marsch zurückkehrten. Aber bald kam die Vergeltung. Unaufhaltsam rückten die deutschen Truppen heran. In dem Gefecht bei Osiek am 12. September 1939, während dem Mikolajow zeitweilig zwischen den Linien lag, jagten sie die Polen zu Paaren, daß sie ihr Heil in der Flucht über die Weichsel suchten.

Die deutschen Soldaten erlösten auch Mikolajow aus seiner bedrängten Lage, mit ihrem Einmarsch begann für die deutschen Kolonisten eine neue Zeit.


[ Deutscher Kalender im Generalgouvernement 1943 ]
Last Updated on Monday, 22 December 2008 12:46
 
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